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 Corona: Warum Senioren oft keine Hilfsangebote in Anspruch nehmen
  
Mehr als 30 Initiativen haben sich in Kitzingen und Landkreis spontan gebildet, um SeniorInnen und gesundheitlich geschwächten Menschen während der Corona-Zeit hilfreich zur Seite zu stehen. SchülerInnen und StudentInnen, junge SeniorInnen, Geflüchtete, die ihre Dankbarkeit und Zugehörigkeit zeigen wollen, nette Nachbarn und Unternehmen mit einem sozialen Gewissen. Sie alle warteten auf Aufträge wie Einkäufe erledigen, Medikamente besorgen, Mülltonnen auf die Straße bringen oder mit Waldi Gassi gehen. Die meisten HelferInnen aber warteten vergeblich. Der gute Gedanke, die freudige Hilfsbereitschaft, wurde nicht angenommen. Woran kann das liegen?
Die heute 80-iährigen und älteren SeniorInnen haben in ihrem Leben viel erlebt und geleistet. Besonders unsere Großmütter leben nach dem Motte „Zähne zusammenbeißen und nicht klagen oder jammern“. Aus diesem Grund nehmen viele dieser SeniorInnen die ihnen angebotene Hilfe und Unterstützung nicht an. Bisher haben sie es alleine geschafft und das soll auch weiterhin so bleiben, auch wenn die Anstrengung dafür manchmal die letzten Kraftreserven kostet. Alt sein bedeutet aber auch nicht automatisch, hilfsbedürftig zu sein, es gibt zunehmend aktive und fitte „Alte“, die uns auf der Laufstrecke am Mainufer überholen, sich in Universitäten und Volkshochschulen weiterbilden, nochmal berufstätig sind oder die Enkel versorgen.

Was wir erkannt haben: es geht eigentlich gar nicht um „die Alten“, es geht um alle Menschen, die zur Corona-Risikogruppe zählen. Das sind oft auch schon Menschen ab 50 oder 60 bis 95 und älter. Jeder Vierte in Deutschland ist über 60 Jahre alt und wer zuhause bleiben muss, um eine Infektion zu vermeiden, läuft Gefahr zu vereinsamen. Das macht uns Sorge.  

Wer nicht mehr einkaufen kann und keine Hilfe annehmen will, der entscheidet sich vielleicht für Essen auf Rädern. Tatsächlich haben die Anbieter dieses Service durchweg deutlich mehr Kunden dazubekommen seit Corona. Auch die Lieferdienste der Lebensmittelmärkte wurden erstmalig genutzt. Nur die kostenlosen Hilfsangebote wurden ausgeschlagen und ignoriert.  

Trotzdem ist es großartig, wie blitzschnell sich eine wunderbare Solidarität und Hilfsbereitschaft entwickelt hat. Und es gibt sie, die Menschen, die Hilfe benötigen. In der Fachstelle für pflegende Angehörige gibt es viele Anfragen, teilweise aber erst, wenn die oben genannten Kraftreserven erschöpft sind. Die Fachstellen und ÄrztInnen, die Pflegedienste und SozialbetreuerInnen, sie wissen, dass der Bedarf an Hilfe da ist. Nur wie können wir die HelferInnen und die Hilfsbedürftigen ueinander bringen? Da ist jeder gefragt, jeder Nachbar, jeder Angehörige und die Verantwortlichen in Stadt und Gemeinde.  

Jetzt muss man sich zusammensetzen, um die vielen Hilfsbereiten nicht zu verlieren, um Strategien zu entwickeln für den möglichen nächsten Lockdown. Zugehende Hilfen persönlich und individuell, ein Brief an alle über 80-Jährigen nicht zum jährlichen Kaffeetrinken, sondern eine Aufforderung sich zu melden, ob alles ok sei, ob Hilfe vorhanden ist oder welche benötigt wird.  

Nun muss man die vielen neuen kreativen Nachbarschaftshilfen und lokalen Netzwerke zur Zusammenarbeit bewegen und aus dem Austausch von Erfahrungen lernen. Mit neuen Ideen und Möglichkeiten der Krise einen Nutzen abgewinnen für eine Gesellschaft, in der man unterstützt noch lange eigenständig leben und alt werden kann.

Petra Dlugosch

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